Heute mal nichts
Warum fühlen wir uns eigentlich ertappt beim Nichtstun?
Es gibt Tage, an denen ich morgens schon weiß, dass heute nichts passieren wird. Keine Tour, kein Ziel, kein besonderer Ort, kein Sonnenaufgang, für den man sich den Wecker stellt. Eigentlich ein ziemlich guter Tag. Und trotzdem erwische ich mich irgendwann dabei, wie ich darüber nachdenke, was man denn jetzt noch machen könnte, machen muss oder ob es überhaupt okay ist, nichts zu tun.
Nichts tun bedeutet nicht, die Zeit zu vertreiben. Mit Instagram zum Beispiel, irgendwelchen Spielen oder sonstigen Dingen, die uns ablenken sollen. Im Gegenteil. Es ist nur dann so richtig schön, wenn wir es genießen können, unseren Gedanken nachzuhängen und dem Müßiggang zu frönen. Nur gelingt es mir viel zu selten.
Das ist vermutlich das Problem mit dem Nichtstun: Man muss es erst wieder lernen.
Wir sind erstaunlich schlecht darin geworden, einfach irgendwo zu sitzen, ohne dass daraus gleich etwas werden muss. Ein Kaffee muss irgendwohin führen, ein freier Nachmittag bekommt am besten noch ein Programm und selbst der Urlaub darf nicht völlig ereignislos bleiben. Wir nennen das dann Aktivität, Erlebnis oder, wenn es besonders gut klingen soll, Inspiration.
Dabei kann es manchmal ziemlich schön sein, wenn einfach gar nichts passiert.
Ein Handtuch liegt auf der Wiese. Ein halbvolles Glas steht auf einer Mauer und wird langsam warm. Ein Fahrrad lehnt im Schatten. Jemand hat ein Buch aufgeschlagen, liest aber schon seit zwanzig Minuten dieselbe Seite. Füße schauen aus dem Wasser. Eine Katze liegt mitten auf einem Weg und hat offensichtlich beschlossen, dass sie heute nichts vorhat.
Es passiert nichts … nichts muss, nichts muss …
Und genau das ist vielleicht das Schöne daran.
Womöglich ist das der Grund, warum solche Momente für mich fotografisch interessant sind. Nicht die großen Augenblicke, sondern die kleinen Lücken dazwischen, da, wo es menschelt und die Alltagsmelancholie zum Künstler wird. Die Dinge, die übrig bleiben, wenn vermeintlich nichts Spektakuläres passiert. Ein Schatten, der langsam über eine Hauswand wandert. Ein leerer Liegestuhl. Ein Glas auf einem Gartentisch. Ein Blatt im Wind. Eine offene Tür, durch die warmes Sommerlicht fällt.
Oft denken wir, wir müssen zweihundert Kilometer fahren, um einen besonderen Moment oder Ort zu fotografieren, und übersehen dabei das Motiv vor unserer Haustür.
Vielleicht wäre es manchmal besser, einfach sitzen zu bleiben.
Denn wer lange genug sitzt, sieht plötzlich Dinge, die vorher nicht da waren. Da waren sie natürlich die ganze Zeit, wir haben sie nur nicht gesehen. Das Licht verändert sich, eine Wolke zieht vorbei, jemand geht durchs Bild, irgendwo bewegt sich ein Vorhang. Aus einem scheinbar langweiligen Nachmittag entwickeln sich langsam Motive.
Nicht, weil etwas Großes passiert wäre.
Sondern weil man endlich hinschaut.
Und da sieht man es einmal mehr: Wir müssen vermutlich gar nicht lernen, besser zu fotografieren. Vielleicht müssen wir nur (wieder) lernen, länger zu sitzen, länger nichts zu tun und länger hinzuschauen.
Ich jedenfalls habe es in diesem Sommer versucht. Nicht mich auf Knopfdruck zu entspannen, plötzlich und auf Kommando nichts zu tun, weil man das als bewusster Mensch ja machen muss in unserer regulierten und schnelllebigen Zeit. Sondern mir das Nichtstun zu erlauben. Einen Nachmittag nichts vorzunehmen, die Kamera mitzunehmen, um sie eh nicht zu verwenden, und einfach sitzen zu bleiben.
Verwendet habe ich sie dann aber doch …



